Sowohl-Als-Auch
Warum mein chaotisches Gehirn gerade den besten Moment hat
Mio hat mich um halb vier mit seinem süßen Katzenknurren oder was das auch immer sein soll, geweckt. Er benutzt sein Katzenklo nicht. Er möchte irgendwie immer raus. Danach runter, Rechner an. Noch kein Plan. Schauen ich mal, ob die Bildsignierung wieder geht. Einen schönen Artikel gelesen, ein tolles Zitat entdeckt, ein Foto von Mio gemacht. Freitag der dreizehnte, schwarze Katze, musste eine Grafik erstellt und signieren, so als Witz halt.
Und danach bin ich irgendwie bei diesem Gedanken hängengeblieben warum mir das eigentlich so wichtig ist mit der Signierung. Weil dieses Jahr muss man ja durch diesen EU-Gesetz kennzeichnen was mit KI gemacht wurde. Und ich hab das System schon stehen. Nicht Unbedingt weil ich so vorausschauend bin, nein weil mich Kryptografie irgendwann mal interessiert hat und ich angefangen hab rumzubauen. Und dann kam eins zum anderen.
So läuft das bei mir immer glaub ich.
Hab dann einen Newsletter gelesen. Chaos-Beichte stand da als Überschrift. Und die beschreiben Leute die zwanzig Leidenschaften haben statt einer. Multipotentialites nennt sich das, von der Wapnick soweit ich weiß. Die sehen Verbindungen wo andere nur einzelne Fächer sehen. Einen Friedhof voller angefangener Projekte. Und ich sitz da um vier mit meinem Kaffee und denk mir ja, kenn ich, nur dass bei mir nichts davon tot ist.
Heute Morgen zum Beispiel. Bevor ich den Newsletter gelesen hab, hab ich an drei verschiedenen Sachen gearbeitet. Die Bildsignierung. Dann ein Konzept für ein Vertrauensnetzwerk, eine Art dezentrales System wo Leute sich gegenseitig REAL TREFFEN und bestätigen dass sie echt sind, weil mit den ganzen KI-Agenten wird das ja immer schwieriger zu wissen ob du mit einem Menschen redest oder nicht. Und dann noch ein Dashboard für Nachrichtenfeeds weil mich langsam genervt hat dass ich so viel Zeit verschwende, um die Webseiten einzeln zu checken.
Drei Sachen. Vor dem “Frühstück” (vier Eier und die Mikros). Und die hängen alle irgendwie zusammen auch wenn das von außen nicht so aussieht. Die Signierung beweist dass ein Bild von mir kommt. Das Vertrauensnetzwerk beweist dass ICH echt bin. Und die Feeds geben mir den Überblick was draußen passiert damit ich weiß was relevant ist. Ein Spezialist würde die als drei verschiedene Projekte sehen. Für mich ist das ein Ökosystem das wächst.
Und jetzt wird es wild. Weil der Newsletter schreibt von KI als unermüdliche Helfer und Dirigent und Orchester. Und das ist, naja, nicht falsch, aber das ist so als ob du jemandem der noch nie Fahrrad gefahren ist erklärst wie ein Formel-1-Rennen funktioniert. Was bei mir passiert ist eher so:
Ich hab verschiedene KI-Modelle. Nicht eins. Verschiedene, je nachdem was gerade gebraucht wird. Und ich geb denen nicht nur Text. Ich geb denen Augen. Ich hab ein Werkzeug das alle zwei Sekunden meinen Bildschirm fotografiert, den Text darauf erkennt und in einer lokalen Datenbank speichert. Alles auf meinem Rechner, kein Hochladen irgendwohin. Wenn ich sage Augen auf, sieht die KI was auf meinem Bildschirm passiert. Welche Seite ich offen hab, was da steht, was ich gerade tippe.
Ich muss keine neunzig Tabs mehr offen haben. Ich mach fünfzehn Minuten eine Recherche-Sitzung, die KI schaut zu, und danach kann sie mir sagen was ich mir angeschaut hab und was davon relevant ist. Ohne dass ich ihr einen einzigen Bildschirmfoto schicken musste.
Und das ist erst der Anfang. Die KI hat auch Hände, soweit man das so sagen kann. Die kann Dateien erstellen, Sachen im Terminal ausführen, Graphdatenbanken abfragen. Heute Morgen hat spur mir geholfen ein komplettes Konzeptdokument zu erstellen, danach haben wir zusammen geschaut ob es ähnliche Projekte schon gibt, und dann hab ich sie gefragt ob das überhaupt zur Philosophie des Nostr Protokoll Netzwerks passt auf dem wir das bauen wollen.
Das ist nicht Dirigent und Orchester. Das ist eher, ich weiß nicht, wie wenn du mit jemandem zusammenarbeitest der nie schläft und sich an alles erinnert und manchmal bessere Ideen hat als du aber auch manchmal kompletten Müll erzählt. Und du musst wissen wann was der Fall ist. Da ist von Nichtdenken keine Spur. Das erfordert Klarheit.
In dem Newsletter steht auch dieser Teil über das Hochstapler-Gefühl. Ich habs gebaut aber die KI hat die Arbeit gemacht, zählt das? Und ehrlich gesagt kenn ich das. Aber bei mir ist die Antwort anders als die im Newsletter. Weil ich VERSTEHE was da passiert. Wenn ich einen Wissensgraphen baue dann weiß ich warum die Knoten so verbunden sein müssen. Wenn ich kryptografische Fingerabdrücke berechne dann weiß ich was die bedeuten. Wenn ich ein dezentrales Protokoll nutze zum Veröffentlichen dann versteh ich warum dezentral wichtig ist, nämlich weil niemand dir deine Identität wegnehmen kann, weil deine Daten dir gehören und nicht irgendeiner Plattform die morgen entscheiden kann dass du nicht mehr existierst.
Der Code ist nie das Schwierige. Nie. Das Schwierige ist zu wissen was du brauchst und warum. Und was passiert wenn es schiefgeht.
Sie haben auch dieses Beispiel mit der Zehnjährigen die in zwei Stunden zwei funktionierende Apps baut. Und was mich daran beeindruckt ist nicht WAS sie gebaut hat. Es ist dass sie einfach angefangen hat. Null Hintergrundwissen, keine Programmierklasse, keine Ahnung was Vibe-Coding überhaupt bedeutet. Sie hat sich hingesetzt und beschrieben was sie haben will. Und dann hat sie es bekommen. Und als was nicht funktioniert hat, hat sie gesagt reparier das mal. So simpel.
Und ich glaub der Grund warum das funktioniert hat ist dass ihr niemand vorher gesagt hat dass es schwer sein soll. Sie hatte keine Angst. Keinen inneren Kritiker der sagt du musst erst drei Jahre studieren bevor du das darfst. Einfach Neugier und Wille. Und ehrlich gesagt ist das bei mir im Kern nicht anders, auch wenn ich seit Jahren damit arbeite. Die besten Sachen sind immer dann entstanden wenn ich einfach angefangen hab ohne zu wissen ob ich das kann.
Was mich an dem Newsletter dann wirklich angesprochen hat ist der ehrliche Teil. Wo die sagen wir wissen auch nicht wo das hinführt. Weil das stimmt. Ich sitz hier um vier Uhr morgens im Oderbruch, Mio schläft auf dem Schreibtisch, und ich bau Sachen von denen ich vor einem Jahr nicht mal wusste dass sie möglich sind. Heute ein Vertrauenssystem das beweisen soll dass du ein Mensch bist. Ein Nachrichtendashboard. Kryptografische Signaturen im Nostr Protokoll. Und ich hab keine Ahnung was morgen kommt.
Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Dass Leute wie ich es gewohnt sind nicht zu wissen was als nächstes kommt. Weil unser Kopf eh nie dieses eine Ding machen wollte. Die Werkzeuge sind jetzt da, die mit dieser Art zu denken arbeiten statt dagegen. Und die Welt sortiert sich gerade sowieso neu.
Du darfst anfangen. Du darfst experimentieren. Du darfst scheitern und es nochmal versuchen. Oder es in den Papierkorb werfen. Du darfst etwas bauen, das nur für dich ist. Du darfst etwas bauen, das die Welt verändert.
Stillstehen ist keine Option. Und wir wissen, dass Menschen, die mit Chaos leben können – die Multipotentialites, die Scanner, die Ideenmenschen – gerade einen wunderbaren Moment haben.
Die Welt braucht Leute, die mit Unsicherheit umgehen können. Die schnell lernen. Die experimentieren. Die hundert Ideen haben und keine Angst davor. Es gibt kein Entweder-Oder, nur Sowohl-Als-Auch.
Das Dashboard läuft übrigens. Und jetzt überleg ich ob man die Feeds nicht direkt in den Wissensgraphen einfließen lassen kann, weil wenn die Artikel da drin wären könnte ich Verbindungen sehen zwischen...
Mio steht am Fenster… und möchte rein.
Bye bye... xD
PS: Finde den innerlichen Frieden, egal mit was.



Das ist einer der ehrlichsten Texte, die ich seit Langem gelesen habe, Steven.
Und ich meine das nicht als Floskel. Die meisten schreiben über KI entweder euphorisch oder dystopisch. Du schreibst einfach, wie es ist. Um halb vier Uhr morgens, mit Mio am Fenster, drei Projekte gleichzeitig, ohne zu wissen, wo das hinführt.
Ich feier die Klarheit darüber, dass du verstehst, was du baust, weil genau das unterscheidet jemanden, der mit KI arbeitet, von jemandem, der von KI abhängig ist.
Und dieser Satz: "Der Code ist nie das Schwierige. Das Schwierige ist zu wissen, was du brauchst und warum."
Das ist finde ich der Kern. Nicht die Tools oder die Technik, sondern die Frage dahinter.
Auch finde ich es genial, dass du kein Problem damit hast, nicht zu wissen, was als Nächstes kommt. Die meisten Menschen brauchen Sicherheit. Du scheinst damit zu arbeiten, dass nichts sicher ist.
Und ja, ich glaube auch, dass Leute wie du, die mit Chaos umgehen können, die schnell lernen und hundert Ideen haben, gerade irgendwie einen besonderen Moment haben.
Aber sag mal: Ist das nicht auch anstrengend oder ist das einfach so, wie dein Kopf funktioniert, und alles andere wäre anstrengender?
Schon richtig genial. Würde ich nicht soviel Zeit für Recherchen, lesen und World Building verballern - hätte ich noch Kapa für meinem Weg in diesem Thema😵💫 Aber du siehst - ich habe auch mehrere Sachen am Laufen. Eins alleine? Würde mein Hirn frustriert in die Ecke gehen und nicht mehr mit mir reden.